Neufundländer in Not e.V. - Ori
Ori
Ori ist gestorben. Sie starb an einem wunderschönen, sonningen Spätsommertag. Ein leichter Wind summt eine Melodie, begleitet vom sachten Rascheln der Blätter des alten Apfelbaumes. Fast schlafend liegt sie im lichten Schatten unter dem Schutz der alten Zweige. Friedlich liegt sie da, kein Zucken der Muskeln, keine Krämpfe, kein verzweifelter Blick, nicht verstehend, was der unsichtbare Feind in ihrem Körper anrichtet.

Meine Gedanken schweifen ab, kehren an den Ort zurück, an dem vor 4 Wochen eine neue Gefährtin in unser Leben trat. Fünf Wochen verbrachte sie nun schon nach einer anstrengenden Reise aus Italien in dieser Pflegestelle . Die Pflegestelle einer Tierhilfe-Organisation, in der keine pflegende Hand sie von unzähligen Filzplatten in ihrem schmutzigen, nach Motten-kugeln stinkendem Fell befreit hätte. Sollte doch hier in Deutschland alles besser werden, ein neues Leben, raus aus dem engen Hundekäfig, wo ihr junges Dasein als Gebärmaschine bekann. Neugierige Augen erwarteten uns, eine begrüßende Pfote ließ unser Herz sprechen. Ja, ORI, es soll alles besser werden. Nach 3 Lebens- jahren sollst Du nun Dein Zuhause finden.

Fast mechanisch streichelt meine Hand über das matt glänzende Fell; beinahe erwartend, sie aus ihrem Schlaf zu wecken. Eririnnerungen überschlagen sich, projezieren Bilder wie in einem rückspulenden Film.

Schnell war unser Hund ins Auto geladen. Keine Minute länger sollte sie in der "Pflegestelle" bleiben. Ungeduldig versicherte man uns, sie sei gesund, geimpft, Blutuntersuchungen gemacht, sie kommt ja aus Italien, man kenne die Gefahr der Mittelmeerkrankheiten. Eine kurze Unterschrift unter den Abgabevertrag, nichts wie heim !! Nun gut, Ori hatte bös entzündete Augen und Ohren, offensichtlich hatte sich auch ihr Darm noch nicht an deutsches Futter gewöhnt, aber nach dieser intensiven 5-wöchigen Pflege in der "Pflegestelle der Tierhilfe" in Bayern, wunderte uns das nicht sehr ! Zuhause lernt Ori, daß die weiche Matratze mit der Felldecke darüber ganz allein ihr gehören. Man kann hier auch den ganzen Tag draußen toben und spielen, spazierengehen, stets ist das gesamte Rudel komplett. Das strapazierte Fell wird ausgekämmt - Erleichterung nach dem Entfernen Berge von abgestorbener Wolle. Sie wirkt etwas erschöpft, irgendwie wollen auch diese entzündeten Augen nicht besser werden. Nach einigen Tagen niest sie wiederholt; ein Schnupfen ?? Geduldig salben wir Augen und Ohren, behandeln den Infekt. Ein flaues Gefühl in der Magengegend macht sich breit. Vielleicht sollten wir doch noch einmal ihr Blut untersuchen - die Mittelmeer- krankheiten ??

Ori

Ori

Nach einer Woche Aufenthalt bei uns geht alles plörtzlich Schlag auf Schlag. Die Geschehnisse prasseln über uns herein, sind fast nicht zu greifen und zu begreifen ! Ori kann von einem Tag zum anderen nicht mehr richtig laufen. Schwanken, umfallen, aufrappeln, mit dem Gleichgewicht kämpfen, Fieber, Panik !! Was ist das !! Die Blutergebnisse sind da: Babesiose und Ehrlichiose positiv !! Durch gute Zusammenarbeit mit unserer Klinik ist schnell eine Therapie erstellt und die notwendigen Medikamente beschafft. Nach 2 Tagen endlich die erwartete Besserung; die Therapie scheint zu greifen.
Große Freude - ein Wechselbad der Gefühle, das uns schon in den nächsten Tagen wieder in den Keller führt. Das Fieber steigt wieder, die Bewegungsstörungen nehmen zu. Ori frißt nicht mehr, erbricht und fällt völlig in sich zusammen, kann nicht mehr aufstehen. Teilnahmslos läßt sie Spritzen und Infusionen über sich ergehen. Wir kämpfen verzweifelt. Warum ...?? Die Telefone laufen heiß. Schnell fahren wir mit Ori zu einem Neurologen in die Klinik. Sie ist dem Tode nah. Innerhalb weniger Stunden klettert das Fieberthermometer in die Höhe, ein knallroter Bauch leuchtet uns entgegen, kaum noch Reflexe, der Kreislauf droht zu versagen. Wir fangen den mitleidigen Blick des Kollegen auf. Verdacht auf nervöse Staupe !! S t a u p e ?? War sie nicht geimpft ?? Fieberhaftes Suchen nach dem Impfpaß, doch eine Impfung war eingetragen.
Staupe, das bedeutet in dieser Form des Ausbruchs, einhergehend mit einer Enzephalitis, der wahrscheinliche Tod. Ich möchte die Verdachtsdiagnose bestätigt wissen. Die Last auf meinen Schultern wirkt schier unendlich in diesem Moment. Lebens- erhaltende Maßnahmen folgen Untersuchungen, Liquorproben, Magnetresonanztomograph, Blutuntersuchungen. Ori kämpft gegen den unsichtbaren Feind in ihrem Inneren. Nach 2 Tagen geht es ihr besser. Antibiotika helfen ihrem Immunsystem die Arbeit mit den bakteriellen Erregern zu erleichtern, um sich nun ganz dem unsichtbaren Feind widmen zu können. Nach 2 Tagen die erlösenden Worte des Kollegen: " Ihr Hund ist von den Toten zurückgekehrt und befindet sich auf dem Weg zurück in ein neues Leben .." Wir können sie wieder mit nach Hause nehmen.
Die ersten Gehversuche meistert sie schon mit Bravour ! Zwischenzeitlich hat sich die Diagnose bestätigt:: die nervöse Form der Staupe ! Wie war das möglich ? Die Ehrlichen und Babesien in Oris Körper liefern sich einen immerwährenden Kampf mit dem Immunsystem. Es kommt nicht zu klinischen Symptomen, aber ihr Immunsystem ist schwach. Zum Zeitpunkt der nur einmaligen Impfung war sie nicht immunkompetent und konnte sich so ohne ausreichenden Impfschutz mit dem Staupevirus infizieren. Besonders gefährlich hinsichtlich der Ansteckung sind klinisch inapparente Virusausscheider, besonders dort, wo viele Tiere aufeinander-treffen. Nachdem es ihr besser ging, hofften wir, sie würde den Kampf gegen das Virus, das in ihrem Zentralnervensystem wütet, gewinnen. Wieder Zuhause wollten wir zunächst nicht wahrhaben, daß es ihr wieder merklich schlechter ging. Vielleicht der Streß der Autofahrt ?
Wieder schafft sie es nicht mehr auf die Füße, die Muskeln fangen unkontrolliert an zu zucken.

Dennoch - ORI k ä m p f t ! Verzweifelt versuche ich ihr ein Stück Normalität zu geben. Wir tragen sie rein, tragen sie raus. Gerne liegt sie im Halbschatten unter unserem alten Apfelbaum im Gras. Ich kaufe bergeweise Schinken, Würstchen, Leberkäs, was Ori mit Appetit verspeist. Noch immer begrüßt mich morgens ein Schwanzwedeln und eine Pfote, noch immer guckt sie mir jeden Schritt hinterher, sie kann ja nicht mehr mitgehen. Ich mag nicht akzeptieren, daß man ihr das neue Leben bei uns Zuhause nicht gönnen mag. Wir massieren ihre Muiskeln, bewegen ihre Beine. Oris Musuklatur zuckt unwillkürlich, unaufhaltsam. Langsam wirkt sie immer öfter abwesend und jault stundenlang leise vor sich hin.
Das Virus frißt sich weiter durch ihren Kopf, erreicht nun im Gehirn das Limbische System. POINT OF NO RETURN ! Aus ! Verloren ! Warum ??? Den letzten Weg wollen wir gemeinsam gehen, Ich fühle mich leer, ohnmächtig, wütend und hilflos. Noch während die Spritze wirkt, spielt ein zarter Windhauch mit Oris Haar und scheint ihren Atem mit fortzutragen, fort auf eine lange Reise.

D a n k e mein kleines Mädchen, daß ich Dich zumindest ein kleines Stück Deines Weges begleiten durfte.

Frauke Meurer
 
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